31.12.2014 · Persönliches ·

Hallo Papa,

dass du es doch noch einmal in dieses ominöse Internet schaffst. Wenn du das hier lesen könntest, du würdest fasziniert davon sein, dass dieser Text auf der ganzen Welt zu lesen ist. Auch in deinem so geliebten Kanada, in dem du viele Jahre verbracht hast und sogar deinen eigenen Friseursalon hattest. Du warst Friseurmeister und hattest die Prüfung dazu nicht nur in Deutschland abgelegt, sondern auch ein zweites Mal in Kanada. Alles, um deinen Traum vom Auswandern zu verwirklichen.

Immer wieder hattest du uns von deinem Fernweh erzählt, von deinem Wunsch irgendwann noch einmal nach Kanada zu gehen. Wenn Dokumentationen im Fernsehen liefen, spürte man an deiner Art zu reden deine Begeisterung für dieses Land. Doch was du tatsächlich alles in deinen jungen Jahren gemacht hattest, welchen Job du ausübtest, blieb bis zuletzt ein großes Geheimnis.

Du wolltest immer alles für dich behalten, du wolltest dir keine Schwäche eingestehen. Vermutlich war es eine Schwäche für dich, dass du als einer der wenigen in deiner Familie nicht studiert hattest. Aber weißt du was? Ich bin verdammt stolz auf dich.  Du hast deinen Lebenstraum verwirklicht, in „Winkler’s Barber Shop“, wie dein Laden in Kanada hieß. Scheiß‘ auf Abitur und Studium, du hast dein Ding gemacht.

In deinem braunen, klapprigen, stets von dir behüteten Koffer, der mit vielen abgenutzten Aufklebern versehen ist, habe ich im Juni gestöbert. Viele Dokumente, Zeugnisse, Briefe und Ausbildungsurkunden skizzierten mir dein Leben. Erst dadurch erfuhr ich wirklich, wer du warst. Ich hätte dieses Wissen gerne von dir persönlich erhalten, mich darüber mit dir unterhalten, aber es ist deine Entscheidung gewesen. Ich habe sie akzeptiert, wenn auch widerwillig.

Bis heute denke ich immer wieder an die letzten Tage im Juni. Während sich die deutsche Nationalmannschaft ihren Weg ins Finale und später zum Titel bahnte, saßen wir an deinem Krankenbett. Jeden Tag waren wir viele Stunden bei dir. Ich weiß nicht, ob du zu diesem Zeitpunkt noch irgendetwas mitbekommen hattest. Ob du die Geschichten von Tom Sawyer, die ich dir vorlas, noch wahrnehmen konntest. Ich wollte dir die Zeit so angenehm wie möglich gestalten.

In der Nacht als wir dann den Anruf vom Krankenhaus erhielten, wirkte alles so unecht. Wenige Tage später die Beerdigung, unecht. Aber das Wissen, was du in deiner Vergangenheit so gemacht hast, es beruhigt. Und es macht mich stolz. Ich werde in naher Zukunft alle Adressen in Kanada besuchen, die ich in den Unterlagen in deinem Koffer finden konnte. Es wird bestimmt eine spannende Reise mit vielen Entdeckungen.

Wenn wir in wenigen Stunden ins neue Jahr 2015 gehen, werde ich an viele Momente des dann vergangenen Jahres denken. An gute und an schlechte. Aber in erster Linie denke ich an dich.

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